Tadej Pogacar und Wout van Aert auf dem Carrefour de l'Arbre — Paris–Roubaix 2026

Paris–Roubaix · April 2026

Queen of the Monuments

Ein Nachmittag am Carrefour de l'Arbre

Jasper Korth · April 2026 · Nordfrankreich

2× Sony α7 III · Sigma 24–70 mm f/2.8 · Sony 200–600 mm G

Paris–Roubaix 2026 — Carrefour de l'Arbre

30Sektoren 50 kmPavé 49 km/him Schnitt

Der letzte 5-Sterne-Sektor vor dem Ziel. Stunden der Ruhe, zwei Minuten Rennen. Fans, Pavé, Staub, Pogacar und van Aert. Ein atmosphärischer Race-Report aus dem Zuschauerbereich der Hölle des Nordens.

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Carrefour de l'Arbre

Der letzte 5-Sterne-Sektor vor dem Ziel.

Die Fans stehen bereits seit Stunden an der Strecke, es riecht nach BBQ und Bier. Hier und da hört man ein altes Radio, was den Tour-Funk durchgibt.

Einfahrt zum Carrefour de l'Arbre — der letzte 5-Sterne-Pavé-Sektor vor dem Ziel
Tour-Funk · Niederländisch
Originalaufnahme vom Streckenrand · 0:16

Unterbrochen wird das von Trillerpfeifen der Gendarmerie, die immer dann ertönen, wenn Fahrzeuge über die Strecke fahren. Je näher die Autos kommen, desto stärker spürt man die Vibration im Boden. Sobald sie weg sind, hört man die Unterhaltungen am Streckenrand, den Tourfunk und die Lautsprecher der Smartphones, auf denen der Live Stream läuft. Manche feiern, manche liegen in der Sonne, und manche pokern sogar. Und immer ist einer am Pinkeln im Kartoffelfeld.

Jungs spielen Poker am Streckenrand — Warten auf das Rennen
Zuschauer versammeln sich um ein Smartphone und verfolgen den Livestream
Männer pinkeln ins Kartoffelfeld am Streckenrand
Älterer Mann zeigt eine originale L'Equipe-Zeitung von 1991 am Streckenrand
Close-up einer französischen Flagge im Wind am Streckenrand
Weitwinkelaufnahme des Pavé mit Fahrern am Carrefour de l'Arbre

Die Staubwolke

Zwei Hubschrauber in der Luft begleiten das Rennen aus der Vogelperspektive

Über den Livestream der Handys weiß man, dass das Rennen bald an einem vorbei fährt. Hebt man den Blick vom Display, so sieht man irgendwann die Staubwolke des Rennens, begleitet von drei Hubschraubern. Sie kommen immer näher, und das Geschrei der Zuschauer rollt auf einen zu.

Die Begleitmotorräder schießen an einem vorbei. Der Boden bebt, die Luft vibriert, das Trommelfell kurz vorm Platzen. Und dann, zwischen all dem Chaos der Fans und Fahrzeugen: Pogacar und Wout van Aert. Für den Bruchteil einer Sekunde sieht man sie, ehe sie in der Staubwolke wieder verschwinden.

Ein einzelner Hubschrauber am Himmel über dem Rennen
Tadej Pogacar und Wout van Aert führen das Rennen auf dem Carrefour de l'Arbre an

Dahinter kommen die „Gefallenen der Schlacht", die Zurückgebliebenen, die Geschlagenen.

Sichtbar erschöpft quälen sie sich über das Kopfsteinpflaster.

Mikkel Bjerg kurz vor dem Ende seiner Kräfte
Close-up eines NSN-Fahrers — Staub, Schweiß, Fokus
In der Hölle des Nordens ist allein das Ankommen im Ziel ein Sieg.
Jordi Meeus auf dem Kopfsteinpflaster — Kapitel-Hero

Das Kopfsteinpflaster

Es will das Fahrrad und den Fahrer zerbrechen.

Es wurde vor über 100 Jahren mit dem einzigen Zweck gebaut: für schwere Landmaschinen, die zwischen den Feldern hin und her fahren. Keineswegs sollten hier filigrane Rennräder, mit schmalen Reifen und bei 49 km/h rüberfahren.

Mathias Vacek von Lidl-Trek kämpft sich über den Pavé
Filippo Ganna in voller Konzentration auf dem Pavé

Die Ränder des Pavés sind über die Jahrzehnte runtergedrückt, sodass die Mitte der Fahrbahn merkbar höher ist. Hier ist die Ideallinie, hier ist das Risiko am geringsten, einen Schaden zu riskieren. Alternativ fährt man auf der Grasnaht direkt am Rand, aber dort stehen die Fans. Hier sind in der Vergangenheit immer Fahrer:innen zu Fall gekommen, weil sie sich in den Fahnen der Fans verhedderten.

100+ Jahre alt 49 km/h Ideallinie: Mitte Kein Entkommen
Es gibt kein Entkommen, jeder muss die Steine spüren.

Die Fans

Direkt am Streckenrand. Nur wenige Zentimeter und ein schlaff gespanntes Tau trennen sie von den Fahrern. Sie warten, sie feiern, sie jubeln. Keiner hindert sie daran, sich dem Rennen in den Weg zu stellen. Und doch tut es niemand.

Dieses Rennen — l'Enfer du Nord — ist das härteste Rennen unter den Monumenten. Und so monumental groß ist der Respekt der Fans vor allem, die ihr Glück herausfordern und alles riskieren, um als erster im Velodrome anzukommen.

Velodrom

Das schnellste Roubaix jemals.

270 km, 30 Sektoren, in Summe 50 km Pavés. 49 km/h im Schnitt.

Am Ende gehen Wout van Aert und Tadej Pogacar, amtierender Weltmeister, zu zweit auf die letzten 600 m im Velodrome. Wout war hinter Tadej im Windschatten. Mit noch 250 Meter to go zünden beide zeitgleich den Sprint. Wout van Aerts Antritt war stärker als der von Pogacar, wodurch van Aert direkt zwei Radlängen Abstand bekam. Die Menge jubelte, fasste sich an den Kopf. Nach 17 Sekunden im Sprint zeigte Wout van Aert zum Himmel, und fuhr in Gedanken an seinen verstorbenen Teamkollegen, Michael Goolaerts, als erster über die Ziellinie.

Everybody has a story to tell. Today it was my chance to tell mine.

— Wout van Aert, im Ziel

Das Ziel war sehr emotional. Jeder, wirklich jeder, gönnte Wout van Aert diesen Sieg. Er selbst weinte direkt nach Zieleinfahrt. Er umarmte seine Teamkollegen, seine Kinder, seine Frau und seine Eltern.

In Roubaix geht jeder durch die Hölle, und heute ehrte einer damit jemanden im Himmel.
Chaos am Streckenrand: Zuschauer, Teamfahrzeug und Hubschrauber in einem Moment

Queen of the Monuments

Paris–Roubaix — entweder man liebt es, oder man hasst es.

Tadej Pogacar und Wout van Aert auf dem Carrefour de l'Arbre — der Moment, der bleibt

Die Unerbittlichkeit der Pavés, und die Sinnlosigkeit, eben diese mit Rennrädern zu fahren, macht dieses Rennen zur „Queen of the Monuments".

Für mich ist klar: Ich liebe dieses Rennen.

Einmal mehr hat sich gezeigt, dass der Radsport mehr als nur ein Sport ist. Zumindest für mich.

Danke an Van Rysel für das Ermöglichen, dass ich vor Ort mit euch sein konnte.